Vision Quest 2021

Wolkeninspiration

Erfahrungsbericht Vision Quest 2021

«Wer richtig leben will, muss das Sterben lernen!»

Scott Eberle «Das Lied der Dunklen Göttin»

Unsere diesjährige Visionssuche in den Bergeller Alpen nahm ihren Anfang mit dem Tod und sie endete mit dem Tod! Der Tod war unser ständiger Begleiter. Gleich am ersten Abend unserer Zusammenkunft wurde eine Teilnehmerin mit dem Unfalltod ihrer Schwester konfrontiert. Im Angesicht der Vergänglichkeit und der Traurigkeit, die ein wesentlicher Teil unserer gemeinsamen Tage in der Natur werden sollten, entfaltete sich unsere Gruppe unmittelbar in eine Atmosphäre des Mitgefühls und des Zuhörens und Sprechens aus dem Herzen heraus. In kurzer Zeit entwickelte sich so eine tragende Seilschaft, deren Stimmung geprägt war von Wachheit und Präsenz. Das Fundament für Authentizität, echte Begegnung und den Verzicht auf Scheinharmonie war so bereits zu Beginn unseres Abenteuers errichtet.

Neben der Wucht des Todes kristallisierte sich das sich ganz Zeigen, sich ganz Zumuten und sich ganz Verschenken als Hauptthema der Gruppe heraus. Jede(r) von uns hat die anderen ungeschminkt teilhaben lassen an den Verwundungen, frühkindlichen Prägungen und inneren Monstern, die häufig aus dem Untergrund wirken und unsere Leben beeinflussen. Beginnt nicht jede menschliche Heldenreise immer mit der Integration des eigenen Schattens? Verlangt das Dunkle in uns nicht gerade danach beleuchtet, gesehen, gewürdigt und angenommen zu werden? Erwächst nicht gerade daraus Er-WACH-sen-SEIN?

«Das beste Kennzeichen persönlichen Heldentums sind vielleicht nicht etwa erstaunlicher Mut und grosse Leistungen, sondern ein authentischer Selbstausdruck und die Hingabe an den einzigartigen Ruf, den jede Person für sich entdeckt.» Joseph Campbell

Noch bevor die TeilnehmerInnen eintreffen, erwache ich in der Nacht – ANGST! Der aktuelle Sommer mit verheerenden Überschwemmungen an vielen Orten. Werden wir behütet sein da oben in den Bergen? Ich gebe mich dem gewaltigen Gewitter in meinem Bauch hin und erforsche meine körperlichen Sensationen, während ich gleichzeitig in die Stille des frühen Morgens lausche. Die Angst wandelt sich in Sorgfalt – UNSICHERHEIT will immer wieder aufs Neue integriert sein!

So sind wir schliesslich nach 5-tägiger Vorbereitungszeit aufgestiegen zum Base Camp (1850m), von dem jede(r) für 4 Tage und Nächte zu den jeweiligen Auszeit-Plätzen (ca. 2000m) aufgebrochen ist. Mit unseren Rucksäcken, bepackt nur mit dem Nötigsten, um das Warm- und Trockenbleiben und verfügbares Trinkwasser zu gewährleisten.

«Schau, ein Reh! Findest du nicht auch, es sieht uns genauso an wie Lulu (unsere Katze)?» Es sollte sich herausstellen, dies war der letzte Augenblick, indem Lulu unsere Herzen mit diesem ganz besonderen Blick berührt haben sollte!

Der Grosse Geist scheint es gut mit uns zu meinen. Es gibt Regenphasen, auf die jedoch längere, trockene Perioden folgen, so dass Schuhe, Kleider und Planen wieder getrocknet werden können. Auch die Schwester der Verstorbenen konnte noch volle 3 Tage und Nächte in ihrer herbeigesehnten Auszeit verbringen, um die zurück liegenden Jahre zu rekapitulieren und sich neu auszurichten, da der Bestattungstermin der geliebten Schwester erst am darauffolgenden Tag stattfinden würde. Wie berührend, sie noch ins Tal begleiten und ihr zum Abschied zuwinken zu dürfen.

Die langen Schatten des späten Nachmittags reichten bereits in den Abend hinein, als ich mich wieder auf den Weg nach oben machte, um die letzte Nacht der Auszeit mit Annett im Base Camp zu verbringen. Die Gewitter begannen um 22 Uhr. Hätte ich vorher gewusst, was da auf uns zukommt – der Wetterbericht hatte eine ruhige und trockene Nacht vorausgesagt – ich wäre losgegangen, um alle auf dieses erschütternde Naturereignis vorzubereiten. Wir alle werden diese Nacht nie mehr vergessen. Sie hat sich eingebrannt in unsere Knochen. Wir tragen sie als Initiations-Narbe in unserem Körperbewusstsein! Ein 6-stündiges Feuerwerk nahm seinen Lauf, Wolken- und Erdblitze aus allen erdenklichen Himmelsrichtungen und in verschiedenster Form erleuchteten und zerschnitten den Nachthimmel, gefolgt von durch das Gebirgsmassiv zusätzlich verstärktem und dröhnendem Donnergrollen.

«Wenn ein Mensch nicht stillstehen und stecken bleiben will, müssen Sinn und Inspiration immer wieder neu entdeckt werden.» Scott Eberle

In der letzten Nacht der Auszeit betreten die Menschen in der Regel bei Sonnenuntergang ihren «Bestimmungskreis». Wer möchte kann von Moment zu Moment als nacktes und zutiefst empfindsames Wesen dem Nachthimmel die eigene Ver-UNSICHER-ung darbieten, oder mit etwaigen Gebeten, Liedern und offenen Fragen die innere Sehnsucht zum Ausdruck bringen. Welch ein Szenario, um dieses Ritual durchzuführen! In «Das Lied der Dunklen Göttin» wird die Angst als notwendige Erfahrung in der Naturzeit beschrieben, weil sie ein wesentliches Element jedes Übergangsritus ist. Welch eine Wucht und unbändige Kraft der Naturgewalten! Welch eine Nacht! In diesem Tohuwabohu war nicht an Schlaf zu denken. Zudem war klar, dass wir dieses äussere und innere Beben mit den anderen da draussen teilen und den gemeinsamen Raum halten würden. Annett und ich erlebten es so, als würde uns der Grosse Geist im wahrsten Sinne des Wortes dazu verdonnern, auch unser eigenes Grossreinemachen gewissenhaft und gründlich zu vollziehen, um alles zurück lassen zu können, was uns darin hindert «JETZT HIER zu SEIN»! Was von unseren alten Geschichten will sterben, damit unsere Lebenswege in «Die Strasse der Entscheidung» münden können? Für was leben wir wirklich?

In der darauffolgenden Nacht erfahren wir, dass unsere 19-jährige Lulu schwer erkrankt ist und aufgrund eines Tumors im Kopf von vielen, mehrere Minuten anhaltenden epileptischen Anfällen gebeutelt wird. Wir kommen noch rechtzeitig nachhause und können uns von unserem Zauberwesen verabschieden. Sie hat mich viel gelehrt … wie Anfassen zu echter Berührung wird, was Ergebenheit bedeutet, wie man sich gründlich säubert und wie man mit Würde altert. Lebe wohl, du wunderbare Begleiterin! Ist die Liebe gross, so ist es auch der Schmerz, das ist der Preis. Und das ist gut so!

Angereichert kehre ich aus unserer Naturzeit zurück. Aufgeladen, gestärkt, ausgerichtet mit neuen Lebensgeistern und mit einem tieferen Bewusstsein über das gewaltige Ringen des Menschen mit Leben und Tod. Geweitet ist mein Herz, traurig ist es … empfindsam und verwundbar. Das Weh aller Menschen, mit denen wir da draussen waren, und mein eigenes hat darin Platz gefunden! Wir alle haben eine oder mehrere Tassen Tee mit unseren inneren Drachen getrunken, denn töten können wir diese nicht. Die zurückliegende Zeit war so wuchtig und gleichzeitig so subtil, erfüllt von Donnerhall und zartester Zartheit.


«Und jeder Morgen lockt dich zärtlich, Licht zu sein.»

Giannina Wedde